21. Mai 2026

Unternehmertum neu denken: Vertrieb, KI und Fokus als Erfolgsfaktoren #589

Unternehmertum hat sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend verändert. Was früher mit Flyern, Pressearbeit und klassischen Vertriebskanälen begann, ist heute ein deutlich komplexeres Spielfeld aus digitalen Kanälen, KI-Tools, neuen Geschäftsmodellen und wachsendem Wettbewerbsdruck. Genau darüber spricht Thomas im Podcast „Digitales Unternehmertum“ mit Jochen Bloß, Gründungsberater, Business Coach und Unternehmer mit über 20 Jahren Erfahrung sowie mehr als 1.000 Beratungen.

Im Gespräch geht es um typische Fehler beim Aufbau von Unternehmen, um die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Gründerinnen, Gründer und Management-Teams und um die Frage, welche Rolle KI künftig im Unternehmertum spielt. Jochen Bloß macht dabei deutlich: Erfolgreiches Unternehmertum entsteht nicht durch perfekte Planung, sondern durch Marktnähe, Fokus, Geschwindigkeit, Lernfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Unternehmertum ist komplexer geworden

Jochen Bloß beschreibt sehr klar, wie stark sich die Rahmenbedingungen für Gründer und Unternehmen verändert haben. Früher standen beim Markteintritt Themen wie Flyer, Pressearbeit und klassische Werbung im Mittelpunkt. Danach kamen SEO, Social Media Marketing und digitale Vertriebskanäle hinzu. Heute sorgt vor allem KI dafür, dass Geschäftsmodelle, Arbeitsweisen und Marktchancen neu gedacht werden müssen.

Diese Entwicklung bringt große Chancen mit sich. Unternehmen können schneller testen, effizienter arbeiten und mit weniger Ressourcen mehr erreichen. Gleichzeitig steigt aber auch die Gefahr, sich zu verzetteln. Mehr Möglichkeiten bedeuten auch mehr Ablenkung. Wer jeden neuen Trend verfolgt, verliert schnell den Fokus auf das, was wirklich zählt: Kunden, Umsatz, Produktqualität und nachhaltiges Wachstum.

Vertrieb darf nicht zu früh delegiert werden

Ein zentraler Fehler, den Jochen Bloß immer wieder beobachtet, ist der Versuch, Vertrieb zu früh abzugeben. Viele Gründer wollen am Anfang nicht verkaufen. Sie möchten lieber am Produkt arbeiten, Prozesse bauen oder strategisch planen. Doch genau hier liegt laut Bloß das Problem: Wer am Anfang nicht selbst mit Kunden spricht, versteht den Markt nicht.

Vertrieb ist in der frühen Phase keine Nebenaufgabe, sondern eine der wichtigsten Quellen für Lernen. Erst im direkten Gespräch mit potenziellen Kunden zeigt sich, welche Probleme wirklich relevant sind, welche Einwände auftauchen und ob ein Produkt überhaupt Nachfrage erzeugt. Deshalb bleibt Vertrieb aus Sicht von Bloß auch später eine C-Level-Aufgabe. Unternehmerinnen und Unternehmer müssen am Markt bleiben, um Veränderungen rechtzeitig zu erkennen.

Vertrieb und Produktion sollten getrennt gedacht werden

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Trennung von Vertrieb und Leistungserbringung. Wenn dieselbe Person gleichzeitig verkauft und produziert, entsteht häufig eine innere Handbremse. Wer weiß, dass er einen großen Auftrag später selbst abarbeiten muss, verkauft oft vorsichtiger. Dadurch wird Wachstum ausgebremst.

Bloß empfiehlt deshalb, Vertrieb und Produktion gedanklich und organisatorisch zu trennen. Der Vertrieb braucht die Freiheit, nach draußen zu gehen und Chancen zu schaffen. Die Produktion muss anschließend sicherstellen, dass die Leistung sauber erbracht wird. Diese Trennung hilft, mutiger zu verkaufen und gleichzeitig Qualität zu sichern.

Perfektionismus kostet Geschwindigkeit

Viele Gründer warten zu lange, bevor sie an den Markt gehen. Sie entwickeln erst ein Seminarprogramm, eine Plattform, ein SaaS-Produkt oder eine Softwarelösung fertig, bevor sie testen, ob überhaupt Nachfrage besteht. Jochen Bloß hält das für einen der größten Fehler in der Gründungsphase. Sein Satz bringt es auf den Punkt: „Perfektionismus killt Geschwindigkeit.“

Statt monatelang im stillen Kämmerlein zu entwickeln, empfiehlt er, früh mit einfachen Mitteln zu testen. Ein guter Titel, ein One-Pager, eine Landingpage oder ein erster MVP können reichen, um Feedback zu bekommen. Entscheidend ist nicht, sofort perfekt zu sein, sondern schnell zu lernen, ob der Markt überhaupt reagiert.

Lean Startup und Effectuation als Erfolgslogik

Jochen Bloß verweist im Gespräch auf den Lean-Startup-Ansatz und die Idee, mit einem MVP oder sogar einem Smoke Test zu starten. Das bedeutet: Unternehmen sollten möglichst früh testen, messen und lernen, statt lange an Annahmen zu arbeiten. Besonders wichtig ist ihm zudem der Effectuation-Ansatz, den er als Gegenpol zur klassischen BWL-Planungslogik beschreibt.

Effectuation bedeutet für ihn wirksames, chancenbasiertes Handeln. Statt erst einen großen Plan zu schreiben und diesen dann starr umzusetzen, starten Unternehmer mit den Mitteln, die sie bereits haben. Sie nutzen ihr Netzwerk, begrenzen Risiken, machen aus Problemen neue Chancen und steuern ihr Unternehmen auf Sicht.

Die fünf Effectuation-Prinzipien

Das erste Prinzip lautet „Bird in Hand“. Es geht darum, mit den vorhandenen Bordmitteln zu starten. Auch wenn das Ziel groß ist, sollte der erste Schritt klein, einfach und marktnah sein. Ein MVP ist oft wertvoller als eine aufwendig geplante Softwarearchitektur, die nie getestet wurde.

Das zweite Prinzip ist „Crazy Quilt“. Bloß beschreibt es als Flickenteppich und meint damit: Gründer sollten ihr Netzwerk aktiv nutzen. Kontakte, Unterstützung und Ressourcen aus dem Umfeld sind kein Zeichen von Schwäche, sondern ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wer Ideen groß machen will, braucht andere Menschen.

Das dritte Prinzip ist das Lemonade-Prinzip. Wenn etwas schiefgeht, kann daraus eine neue Chance entstehen. Probleme, Engpässe oder Rückschläge sind nicht nur Hindernisse, sondern manchmal der Ausgangspunkt für innovative Lösungen.

Das vierte Prinzip ist „Affordable Loss“. Gründer müssen ihre Verluste begrenzen. Zeit, Geld und Aufmerksamkeit sind knapp. Deshalb sollten Projekte in kurzen Sprints gedacht werden. Wer nicht loslassen kann, riskiert, zu viel in eine falsche Richtung zu investieren.

Das fünfte Prinzip heißt „Pilot in the Plane“. Unternehmer fliegen auf Sicht. Sie haben nicht jede Entwicklung im Griff, aber sie sitzen selbst am Steuer. Genau diese Haltung – Verantwortung übernehmen und Hindernisse aktiv umschiffen – ist für Bloß ein Kern unternehmerischen Handelns.

Unternehmerische Persönlichkeit entscheidet mit

Neben Methoden und Tools spielt die Persönlichkeit eine große Rolle. Jochen Bloß spricht über internale Kontrollüberzeugung, also die Haltung, selbst Einfluss auf die Dinge nehmen zu können. Unternehmer müssen Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen und auch unangenehme Gespräche führen.

Dazu gehört aus seiner Sicht auch ein gewisses Maß an „Unverträglichkeit“. Gemeint ist nicht Rücksichtslosigkeit, sondern die Fähigkeit, klar zu bleiben, Grenzen zu setzen und auch dann Entscheidungen zu treffen, wenn sie nicht allen gefallen. Unternehmer können nicht immer beliebt sein. Sie müssen manchmal hart verhandeln, Menschen kündigen oder konsequent Nein sagen.

Das Umfeld prägt den unternehmerischen Weg

Ein spannender Gedanke aus dem Gespräch betrifft das persönliche Umfeld. Bloß beobachtet, dass sich bei erfolgreichen Unternehmern häufig auch der Freundeskreis oder das Netzwerk verändert. Wer selbst Verantwortung trägt und Probleme lösen muss, sucht zunehmend den Austausch mit Menschen, die ähnlich denken und handeln.

Deshalb hält er Netzwerke für so wichtig. Nicht nur für Kontakte, Aufträge oder Empfehlungen, sondern auch für mentale Unterstützung. Unternehmer brauchen Menschen, die Herausforderungen verstehen und nicht nur über Probleme sprechen, sondern lösungsorientiert denken.

KI als Werkzeug für Effizienz und neue Geschäftsmodelle

Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um KI. Jochen Bloß beschreibt, wie stark Tools wie Claude, Gemini oder ChatGPT den Arbeitsalltag bereits verändern. Als CFO eines Start-ups kann er heute mit wenig Zeit und vergleichsweise geringen Kosten Aufgaben erledigen, für die früher Anwälte, Steuerberater oder externe Dienstleister stärker eingebunden werden mussten.

Für Gründer ist das eine enorme Chance. Viele Aufgaben lassen sich schneller vorbereiten, analysieren oder automatisieren. Gleichzeitig warnt Bloß davor, sich in technischen Spielereien zu verlieren. Prozesse und Automatisierung sind wichtig, aber sie müssen dem Geschäft dienen.

Fun, Fame und Fortune: Fokus auf Umsatz

Um den richtigen Fokus zu behalten, nutzt Jochen Bloß drei Kategorien: Fun, Fame und Fortune. Fun steht für Dinge, die Spaß machen. Fame steht für Sichtbarkeit, etwa durch Social Media. Fortune steht für Umsatz und Geschäft. Alle drei Bereiche haben ihre Berechtigung, aber für Unternehmen ist Fortune entscheidend.

Gerade technologiebegeisterte Gründer laufen Gefahr, viel Zeit in Optimierungen zu stecken, die zwar spannend sind, aber nicht direkt zum nächsten Kunden, besseren Produkt oder höheren Umsatz führen. Bloß plädiert deshalb dafür, immer wieder zu fragen: Bringt mich diese Aktivität wirklich näher an mein Geschäftsziel?

KI-Kompetenz wird zur Pflicht

Auf die Frage, ob Gründer und Management künftig zwingend KI-Kompetenz brauchen, antwortet Jochen Bloß klar mit „100 Prozent“. Für ihn ist es selbstverständlich, dass C-Level, Start-ups und Unternehmer mit KI arbeiten. Sie macht effizienter und eröffnet neue Möglichkeiten, zum Beispiel beim Bau interner Tools oder bei der Automatisierung von Prozessen.

Dabei geht es nicht nur darum, ChatGPT zu nutzen. KI-Kompetenz bedeutet, passende Tools für unterschiedliche Aufgaben zu kennen, Daten strukturiert aufzubereiten, eigene Assistenten oder Knowledge Bases aufzubauen und KI als Sparringspartner einzusetzen. Gleichzeitig bleibt der Mensch wichtig. KI kann unterstützen, aber kritisches Denken, Erfahrung und menschliche Reibung bleiben unverzichtbar.

Fördermittel können helfen, aber auch bremsen

Ein überraschend kritischer Punkt im Gespräch betrifft Innovationsförderung und Zuschüsse. Jochen Bloß sieht Förderprogramme nicht grundsätzlich negativ, warnt aber davor, dass sie Gründer vom Markt abhalten können. Anträge dauern oft lange, binden viel Energie und stehen nicht selten im Widerspruch zum Lean-Startup-Gedanken.

Statt monatelang an Förderanträgen zu arbeiten, sollten Gründer prüfen, ob sie diese Zeit nicht besser nutzen, um mit Kunden zu sprechen, erste Umsätze zu erzielen und ihr Geschäftsmodell am Markt weiterzuentwickeln. Fördergelder ersetzen keinen Fokus, kein Commitment und keine echte Marktnachfrage.

Fazit: Unternehmertum bleibt Handwerk, Haltung und Anpassungsfähigkeit

Das Gespräch mit Jochen Bloß zeigt: Erfolgreiches Unternehmertum entsteht nicht durch perfekte Planung, sondern durch konsequentes Handeln. Wer gründet oder ein Unternehmen weiterentwickelt, muss verkaufen, testen, lernen, Netzwerke nutzen, Verluste begrenzen und die eigene Komfortzone erweitern.

KI verändert dabei viele Spielregeln, aber sie ersetzt nicht die unternehmerische Verantwortung. Sie macht schneller, effizienter und eröffnet neue Möglichkeiten. Doch am Ende zählt weiterhin, ob ein Unternehmen echte Kundenprobleme löst, Umsatz erzeugt und fokussiert bleibt. Mehr dazu gibt es in der Podcast-Episode „Digitales Unternehmertum“ mit Jochen Bloß.

Thomas Ottersbach

Thomas Ottersbach ist geschäftsführender Gesellschafter der PageRangers GmbH. Seit über 20 Jahren ist er im Online-Business aktiv und hat verschiedene Unternehmen erfolgreich aufgebaut und veräußert. Thomas ist zudem Herausgeber/Produzent des beliebten SEO Podcasts (www.seosenf.de). Mit dem Podcast "Digitales Unternehmertum" gibt er nicht nur seine eigenen Erfahrungen als Unternehmer weiter, sondern durch die vielen Interview-Gäste gibt es für die Zuhörer:innen maximale Inspiration und Wissenstransfer rund um das digitale Business. Seit einigen Jahren dreht sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) das digitale Businessrad weiter. Auch hier ist Thomas Experte und hat ein eigenes Unternehmen in diesem Bereich aufgebaut. Du suchst Unterstützung für dein digitales Business und möchtest einen kostenlosen Beratungstermin mit Thomas vereinbaren? Dann suche dir einen Termin direkt online aus.

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