Kann man ein jahrhundertealtes Handwerk digitalisieren, ohne seinen Charakter zu verlieren? Gregor Stapper zeigt, dass genau das möglich ist. Der gelernte Konditor und Bäckermeister hat aus einer klassischen handwerklichen Idee ein digitales Geschäftsmodell entwickelt, bei dem E-Commerce, Automatisierung und inzwischen auch künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielen.
Mit Keks Kreator produziert sein Unternehmen individuell gestaltete Kekse für Privatpersonen und Unternehmen. Logos, Schriftzüge oder Motive landen dabei nicht einfach als farbiger Aufdruck auf dem Gebäck. Gregor wollte von Anfang an den handwerklichen Charakter bewahren und entwickelte deshalb eine technische Lösung, mit der individuelle Reliefs auf den Keksen entstehen können.
Was als ungewöhnliche Idee begann, ist heute ein Unternehmen mit rund 15 Mitarbeitenden, mehreren Millionen produzierten Keksen pro Jahr und unterschiedlichen Vertriebskanälen – vom Online-Geschäft über Firmenkunden bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel, zu Gastronomie und Hotellerie.
Die Geschichte zeigt, wie Digitalisierung im Handwerk funktionieren kann: nicht, indem man das Handwerk ersetzt, sondern indem man Prozesse neu denkt.
Digitalisierung im Handwerk: Wie aus einer Bäckerei ein Online-Geschäft wurde
Gregor Stapper kommt aus einem klassischen Handwerksbetrieb. Seine Eltern führten eine Bäckerei, die er später selbst übernahm. Nach einigen Jahren verpachtete er den Betrieb und ging für mehrere Jahre auf Reisen. Unter anderem arbeitete er in den USA, Japan und Neuseeland als Bäcker. Dabei machte er eine interessante Erfahrung: Das deutsche Bäckerhandwerk und insbesondere sein Meistertitel genossen im Ausland einen hohen Stellenwert.
Zurück in Deutschland beschäftigte ihn die Frage, warum sich das traditionelle Bäckerhandwerk so stark auf den stationären Vertrieb konzentrierte. Gleichzeitig brachte Gregor eine Affinität zu Computern und zum Internet mit.
Die Idee war deshalb zunächst erstaunlich einfach: ein handwerkliches Produkt entwickeln, das sich online individualisieren und verkaufen lässt. Die Wahl fiel auf Kekse.
Sie sind lange haltbar, vergleichsweise unempfindlich gegenüber Wärme und Kälte und funktionieren unabhängig von Jahreszeiten. Vor allem aber bieten sie eine gute Grundlage für Individualisierung. 2016 entstand daraus Keks Kreator.
Personalisierte Kekse als digitales Geschäftsmodell
Gregor wollte jedoch nicht einfach einen Keks entwickeln, auf den mit Lebensmittelfarbe ein Logo gedruckt wird. Seine Idee orientierte sich an traditionellen Verfahren. Früher wurden beispielsweise für Spekulatius Formen geschnitzt, in die der Teig gedrückt wurde. Auf diese Weise entstand das charakteristische Relief im Gebäck. Genau diesen handwerklichen Gedanken wollte Gregor in die digitale Welt übertragen.
Die Herausforderung: Für jedes individuelle Logo ein eigenes Werkzeug herzustellen, wäre insbesondere bei kleineren Stückzahlen zu teuer gewesen. Deshalb entwickelte er ein Verfahren, mit dem Oberflächen digital vorbereitet und anschließend für die Produktion genutzt werden können. Dadurch können individuelle Motive umgesetzt werden, ohne ein teures Werkzeug für jedes einzelne Design produzieren zu müssen.
Schon ab 75 Keksen können Kunden ihr eigenes Design umsetzen lassen. Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zu klassischen industriellen Produktionsprozessen, bei denen Individualisierung oft erst bei deutlich größeren Stückzahlen wirtschaftlich wird.
Vom B2C-Geschäft zum B2B-Geschäft mit individuellen Werbemitteln
Ursprünglich war Keks Kreator stärker auf Privatkunden ausgerichtet. Geburtstage, Hochzeiten, Taufen oder Geburten waren typische Anlässe für personalisierte Kekse. Doch mit der Zeit zeigte sich, dass das Produkt auch für Unternehmen interessant ist.
Individuelle Kekse können beispielsweise auf Messen, in Hotels, in der Gastronomie oder als Kunden- und Mitarbeitergeschenk eingesetzt werden. Dabei hat das Produkt einen besonderen Effekt: Es ist nicht nur ein Werbeträger, sondern gleichzeitig etwas Essbares und Emotionales.
Gregor beschreibt im Podcast, wie private Bestellungen teilweise sogar zu neuen Geschäftskunden führen. Jemand sieht einen individualisierten Keks auf einer Feier, erinnert sich an das Produkt und denkt anschließend darüber nach, es im eigenen Unternehmen einzusetzen. Mundpropaganda wurde damit zu einem wichtigen Bestandteil des Geschäftsmodells.
Corona als Wendepunkt für das digitale Geschäftsmodell
Die Corona-Zeit stellte das Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Messen, Veranstaltungen, Hotels und Gastronomie fielen zeitweise als Absatzmärkte weg. Gleichzeitig war der Betrieb als Teil der Bäckerbranche in einer besonderen Situation.
Doch ausgerechnet der B2C-Bereich, dessen Bedeutung zuvor intern infrage gestellt worden war, erwies sich plötzlich als wichtige Säule. Menschen konnten Geburtstage oder andere Anlässe nicht wie gewohnt gemeinsam feiern und verschickten stattdessen Geschenke. Davon profitierte auch das Geschäft mit personalisierten Keksen. Gregor nutzte die Zeit gleichzeitig, um Prozesse weiterzuentwickeln und die Website sowie die Abläufe im Hintergrund stärker zu digitalisieren. Doch noch eine zweite Idee entstand in dieser Phase: der Einstieg in den Lebensmitteleinzelhandel.
Vom Online-Shop in den Lebensmitteleinzelhandel
Auf den ersten Blick wirkt dieser Schritt widersprüchlich. Warum sollte ein Unternehmen, dessen Stärke in der Individualisierung liegt, plötzlich Standardprodukte im Supermarkt anbieten?
Gregor stellte jedoch fest, dass viele Kunden ohnehin immer wieder ähnliche Botschaften bestellten – beispielsweise „Danke“, „Happy Birthday“ oder andere typische Anlässe. Daraus entstanden standardisierte Produkte für den Einzelhandel.
Der Ansatz blieb dennoch individualisiert. Für einzelne Händler und Regionen können beispielsweise lokale Motive oder Grüße umgesetzt werden. Aus ersten Versuchen entwickelte sich ein eigener Vertriebskanal. Inzwischen werden laut Gregor rund 250 Händler in Deutschland beliefert. Der Lebensmitteleinzelhandel hat dabei noch einen weiteren Vorteil: Er trägt dazu bei, saisonale Schwankungen in der Produktion auszugleichen.
Digitalisierung im Bäckerhandwerk als Antwort auf den Fachkräftemangel
Ein weiteres Thema des Gesprächs ist der Fachkräftemangel. Gregor beobachtet ihn nicht nur im eigenen Umfeld, sondern kennt die Herausforderungen auch aus seiner Vernetzung innerhalb der Bäckerbranche. Seiner Ansicht nach sollten qualifizierte Bäcker, Konditoren und Meister möglichst wenig Zeit mit administrativen Aufgaben verbringen. Ihre Fähigkeiten werden in der Produktion und Produktentwicklung gebraucht.
Genau hier können Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz helfen. Gleichzeitig verändert ein spezialisiertes Geschäftsmodell auch die Arbeitsbedingungen. Im Betrieb von Keks Kreator wird nach Gregors Angaben montags bis freitags von sieben bis 16 Uhr gearbeitet. Klassische Nachtarbeit, Wochenend- oder Feiertagsarbeit, wie sie in vielen Bäckereien üblich ist, fällt weitgehend weg. Das macht den Arbeitsplatz für Fachkräfte attraktiver.
KI und Automatisierung in einem traditionellen Handwerksbetrieb
Besonders deutlich wird die Verbindung aus Tradition und Digitalisierung bei den internen Prozessen. Früher bedeutete eine Kundenanfrage häufig viel manuelle Arbeit. Ein Kunde schickte beispielsweise lediglich den Link zu seiner Website und bat darum, ein passendes Produkt mit Logo zu gestalten. Dann musste zunächst das Logo gefunden und geprüft werden. War die Auflösung nicht ausreichend, musste es gegebenenfalls nachbearbeitet werden.
Heute unterstützt künstliche Intelligenz diesen Prozess. Gregor beschreibt eine KI-Schnittstelle, die Kundenanfragen verarbeiten und Logos hinsichtlich bestimmter Anforderungen beurteilen kann. Das System ist darauf abgestimmt, welche Voraussetzungen ein Motiv erfüllen muss, damit es als Relief auf einem Keks funktioniert.
Angebote können automatisiert erstellt werden, Produktbilder werden hinzugefügt und die Rechnungssoftware ist in den Ablauf integriert. Gerade bei Visualisierungen sieht Gregor einen großen Vorteil. Kunden möchten häufig wissen, wie ein Produkt mit Logo, Label, Verpackung, bestimmter Farbe und Schriftart aussehen könnte. Aufgaben, für die früher grafische Unterstützung und zusätzliche Abstimmungen notwendig waren, lassen sich heute deutlich schneller vorbereiten. Die Ergebnisse werden kontrolliert. Nicht alles, was KI produziert, ist automatisch brauchbar. Trotzdem sieht er insbesondere bei der Zeitersparnis einen erheblichen Vorteil.
E-Commerce im Handwerk: Kurze Lieferzeiten durch digitale Prozesse
Digitalisierung wirkt sich auch direkt auf die Lieferzeiten aus. Bei kleineren Bestellungen von beispielsweise 100 oder 500 Keksen spricht Gregor von ungefähr drei bis vier Werktagen, bis die Bestellung produziert und beim Kunden ist. Größere Mengen benötigen entsprechend mehr Zeit. Möglich werden diese kurzen Abläufe vor allem durch standardisierte Prozesse im Hintergrund. Bestellungen werden digital einsortiert und in die Produktion überführt. Gleichzeitig muss das Team die vorhandenen Kapazitäten intelligent planen. Digitalisierung bedeutet hier also nicht nur einen Online-Shop zu besitzen. Entscheidend ist die Verzahnung von Bestellung, Planung, Produktion und Administration.
Online-Marketing für ein digitales Handwerksunternehmen
Nicht jeder digitale Marketingkanal hat für Keks Kreator in den vergangenen 10 Jahren funktioniert. Gregor spricht offen darüber, dass er insbesondere zu Beginn Geld in Social-Media-Werbung investiert hat, ohne daraus den gewünschten wirtschaftlichen Effekt zu erzielen. Auch Google-Werbung war nicht von Anfang an einfach.
Ein Unternehmen, das nach Kundengeschenken oder Werbegeschenken sucht, sucht schließlich nicht zwangsläufig nach „Keksen“. Gleichzeitig gehören allgemeine Begriffe aus dem Werbemittelbereich zu stark umkämpften und entsprechend teuren Keywords.
Eine wichtige Rolle spielte deshalb zunächst die öffentliche Aufmerksamkeit. Durch einen Gründerpreis und weitere Auszeichnungen erhielt das Unternehmen Medienpräsenz. Die Kekse tauchten in Berichterstattungen auf, Interviews folgten und die Bekanntheit wuchs. Heute gehören unter anderem Google Ads, SEO, LinkedIn und Messen zu den Kanälen, die für das Unternehmen funktionieren.
SEO, Google Ads und Sichtbarkeit für individuelle Produkte
Suchmaschinenoptimierung war bereits früh ein Thema. Gregor setzte unter anderem auf Backlinks aus der Werbemittelbranche. Der Vorteil: Es gibt viele Werbemittelhändler, während die Zahl der Hersteller deutlich kleiner ist. Dadurch entstanden zahlreiche Verlinkungen.
Bei konkreten Suchbegriffen rund um Kekse und Logos sieht Gregor das Unternehmen sowohl organisch als auch über bezahlte Anzeigen gut positioniert. Schwieriger wird es bei allgemeinen Suchbegriffen wie Werbegeschenk. Hier ist der Wettbewerb deutlich größer. Deshalb werden relevante Begriffe auch über Produktbeschreibungen, Blogbeiträge und weitere Inhalte auf der Website abgedeckt.
Bestandskunden und Newsletter statt nur Neukunden
Ein weiterer wichtiger Baustein des Marketings ist die Reaktivierung bestehender Kunden. Gerade bei Geschenkprodukten besteht eine Besonderheit: Nicht jeder Kunde bestellt jedes Jahr dasselbe.
Ein Unternehmen verschenkt vielleicht in einem Jahr Kekse zu Weihnachten, entscheidet sich im darauffolgenden Jahr für etwas anderes und kommt später wieder zurück. Entscheidend ist deshalb, nicht in Vergessenheit zu geraten. Daneben gibt es Kunden, bei denen sich die Produkte zu einer echten Tradition entwickelt haben. Gregor berichtet von Unternehmen, die seit vielen Jahren regelmäßig bestellen, weil deren eigene Kunden bereits mit den Keksen rechnen.
Skalierung im Handwerk: Standardisierung ohne Industrialisierung
Keks Kreator produziert laut Gregor inzwischen etwa 3,5 bis 4 Millionen Kekse pro Jahr. An einem normalen Produktionstag können zwischen 20.000 und 30.000 Kekse entstehen. Auch höhere Mengen sind möglich, allerdings gibt es klare Grenzen. Eine zusätzliche Schicht möchte Gregor aktuell nicht einführen. Sein Ziel ist vielmehr, vorhandene Kapazitäten besser auszulasten.
Statt an Spitzentagen immer weiter zu wachsen, sollen Tage mit beispielsweise 15.000 oder 20.000 produzierten Keksen näher an eine Auslastung von 30.000 Stück gebracht werden.
Neue Produkte werden vor allem dann aufgenommen, wenn bestimmte Kundenwünsche regelmäßig auftreten. So entstand beispielsweise auch eine vegane Sorte, nachdem die Nachfrage danach wiederholt aufkam.
Produktentwicklung durch Kundenfeedback
Bei neuen Produkten hört Gregor stark auf seine Kunden. Neben verschiedenen Geschmacksrichtungen entstanden dadurch im Laufe der Zeit neue Verpackungsvarianten und zusätzliche Produkte.
Ein Beispiel sind Sanddornkekse. Gregor kannte Sanddorn aus seiner Zeit als Bäcker auf einer Nordseeinsel. Dort wurde die Frucht für unterschiedliche Backwaren und Süßspeisen eingesetzt. Die Sanddornkekse funktionieren insbesondere im Küstenbereich und lassen sich mit maritimen Motiven verbinden.
Qualität trotz Automatisierung und Wachstum
So viele Prozesse auch digitalisiert werden – die Qualität des eigentlichen Produkts bleibt Handarbeit. Gregor sieht seine Mitarbeitenden als entscheidende Qualitätskontrolle. Bäckerinnen und Bäcker prüfen die Produkte sehr genau und sortieren Kekse aus, die ihren Qualitätsansprüchen nicht entsprechen. Dabei geht es nicht darum, ein vollständig uniformes Industrieprodukt herzustellen. Gregor erinnert sich an eine Erfahrung aus seiner Meisterausbildung: Wenn zehn handwerklich hergestellte Brote am Ende vollkommen identisch aussehen, fehlt teilweise der sichtbare Charakter des Handwerks.
Was andere Unternehmen von der Digitalisierung des Handwerks lernen können
Eine der wichtigsten Erfahrungen von Gregor: Auch ein digital vertriebenes Produkt muss manchmal physisch erlebt werden können. Gerade bei Lebensmitteln möchten Kunden wissen, wie etwas schmeckt und wie die Qualität tatsächlich wirkt. Deshalb bietet das Unternehmen Muster-Sets an. Darin können Kunden nicht nur sehen, wie ihr eigenes Logo auf einem Keks aussieht, sondern verschiedene Geschmacksrichtungen ausprobieren und das Produkt innerhalb des Teams testen.
Die Zukunft: Mehr Effizienz statt Wachstum um jeden Preis
Auch für die kommenden Jahre gibt es Ideen. Eine davon ist eine separate kleine Backstube auf dem eigenen Gelände, in der möglicherweise Gruppen oder Unternehmen gemeinsam backen könnten. Die Nachfrage nach solchen Teamevents existiert bereits. Innerhalb des regulären Produktionsbetriebs wären solche Angebote aus lebensmittelrechtlichen und organisatorischen Gründen jedoch schwierig umzusetzen.
Auch Social Media soll weiterentwickelt werden. Facebook und Instagram werden bereits gepflegt. Unter anderem präsentiert das Unternehmen ausgewählte Kundenprodukte und stellt Mitarbeitende vor. Damit soll auch ein Punkt deutlich werden, der offenbar nicht für jeden Kunden selbstverständlich ist: Die Kekse werden tatsächlich in einer eigenen Bäckerei hergestellt. Keks Kreator ist kein Händler, der fertige Ware einkauft und weiterverkauft.
Fazit: Digitalisierung ersetzt das Handwerk nicht – sie schafft neue Möglichkeiten
Die Geschichte von Keks Kreator zeigt, dass sich Digitalisierung und traditionelles Handwerk nicht ausschließen. Gregor Stapper hat nicht versucht, aus einer Bäckerei ein klassisches Technologieunternehmen zu machen. Stattdessen hat er genau analysiert, welche Teile des Geschäfts digitalisiert und automatisiert werden können – und welche bewusst handwerklich bleiben sollen.
Bestellungen, Angebote, Marketing, Visualisierungen, Planung und Teile der Kundenkommunikation können effizienter werden. Teigherstellung, Backen, Qualitätskontrolle und Produktentwicklung bleiben dagegen eng mit dem Handwerk verbunden. Aus Keksen, Handwerk und einer digitalen Idee ist so ein Unternehmen entstanden, das heute Millionen Produkte pro Jahr herstellt und gleichzeitig versucht, den Charakter einer echten Bäckerei zu bewahren.

