29. September 2022

Pflicht zur Arbeitszeiterfasung kommt – passt das zum Jahr 2022? #409

Arbeitszeiterfassung wird verpflichtend

Das Bundesarbeitsgericht hat entschieden, dass die Arbeitszeiterfassung nach Vorbild der EU-Gesetzgebung in Deutschland Pflicht werden muss. Als Unternehmen wird man künftig dazu verpflichtet, die Arbeitszeit der Mitarbeiter transparent und lückenlos zu erfassen. Egal, ob im Büro, als Außendienstler, Mitarbeiter in der Produktion oder sonst wo. In Podcast Episode 307 (Link) hatte ich bereits über die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung gesprochen und auch den ein oder anderen Tipp parat. Hört gerne noch mal in den Podcast rein.

Urteil zur Arbeitszeiterfassung schockt Unternehmen

Aktuell ist vieles noch unklar. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) kündigte vor ein paar Tagen an, dass man die Urteilsbegründung auswerten und Vorschläge für eine Umsetzung der Pflicht erarbeiten werde.

Im Netz haben sich die Reaktionen teilweise überschlagen. Von „Ohrfeige für jedes Unternehmen“ bis hin zum „Rückgang zur Stechuhr“ war hier einiges zu lesen. Ich finde, dass mein Blickwinkel alleine dem Thema nicht gerecht werden würde. Daher hatte ich bei LinkedIn vor ein paar Tagen aufgerufen und nach weiteren Meinungen gefragt. Mich haben Meinungen und Stimmen erreicht. Also gibt es im Podcast nicht nur meine Perspektive, sondern einen breiteren Blick auf das Thema, was ich auch für absolut sinnvoll erachte.

Mehrere Perspektiven auf das Urteil

Oliver Lindner, Geschäftsführer und Unternehmer bei der Online Marketing Agentur SEO-Kueche hat mir beispielsweise eine Sprachnachricht mit seiner Meinung gesendet. Hört euch den Podcast an, spannende Perspektive, auf die ich im Podcast näher eingehe.

Auch Jan Bredeck, Vorstandsvorsitzender der Veganz Group AG, hat mir seine Meinung zur verpflichtenden Arbeitszeiterfassung per Sprachnachricht übermittelt. Eine andere Meinung, aber durchaus ebenfalls nachvollziehbar. Jan spricht von einer Ohrfeige, ein Rückschritt. Und er hat sicherlich recht.

Das Thema ist komplexer und breiter als man vielleicht vermutet. Daher ist DER eine Blick nicht gerechtfertigt. Denn es gibt eben nicht nur die Branchen und Firmen, die Remote-Work anbieten, flexibles Arbeiten möglich machen. Es gibt auch Branchen und Unternehmen, wo diese Themen nur eingeschränkt, wenn überhaupt möglich ist. Und da geht es auch um Schutzmaßnahmen. Ziel ist, unter anderem – die Einhaltung der gesetzlichen Höchstarbeitszeiten. Zu dem Thema passt dann noch ein Kommentar, den Peter Sikorski auf LinkedIn auf meinen Aufruf geschrieben hat:

“Das Urteil kommt einem altertümlich vor, stimmt. Die Erfahrung lehrte mich zumindest bisher, den Blickwinkel zu ändern und das ‚Warum‘ zu respektieren (das Für und Wider solcher Erfassungen kenne ich lange, wie auch die Argumente): Es gibt genügend Menschen, die auf das Minutenzählen ab sind und sich darauf verlassen. Der ‚beste‘ Spruch eines Mitarbeiters war mal: ‚Jeden Tag 5 Minuten mehr, macht im Monat 2.5 Stunden‘. Das ist ein Sicherheitsfaktor, den man nicht einfach abtun darf. Auch war er kein schlechter MA, sondern hat in seinem Leben die Prioritäten anders gesetzt. Wir, also jene die es flexibler handhaben können/wollen – müssen das nicht mögen, aber nicht jeder ist ‚Hype‘ und total ‚Happy‘ mit der Firma. Für viele ist Arbeit schlicht nur Arbeit um das Einkommen zu erzielen und nicht eine Beachparty. Hier wird dauernd von der neuen Freiheit der Arbeit geredet, aber die, die das nicht haben und nie haben werden, kommen in keiner Argumentationskette vor: Pflege/Medizin/Produktionsmitarbeiter, etc. Es gibt Millionen Menschen, die ungenannt werden”

Meine Meinung

Wenn ich über das Urteil reflektiere, fällt es mir schwer, die eine richtige Lösung zu präferieren. Falsch finde ich jedoch, Unternehmen in ihrem Handeln einschränken zu wollen. Und das werde ich, indem ich Arbeitszeit genau dokumentieren muss. Ob es tatsächlich wieder Stechuhren geben wird, bleibt abzuwarten. Auch hier soll es ja Firmen geben, die mit der Digitalisierung noch nicht weitergekommen sind.

Unternehmen, die ihre Mitarbeiter minutengenau abrechnen müssen (z.B: in der Industrie), sollen die Arbeitszeit erfassen. Aber bitte nicht alle Branchen und Unternehmen damit abstrafen. In einigen Branchen ist das Thema Freiheit, selbstbestimmtes und flexibles Arbeiten mehr ausgeprägt als in anderen Unternehmen. Einige Mitarbeiter erwarten das auch einfach. Ein Rückschritt ist immer doof und all die neuen und zum Teil guten Ansätze in der modernen Arbeitswelt, sollte nicht wegen eines solchen Gesetzes eingeschränkt oder gar gehemmt werden.

Für mich zählt insbesondere die Leistung. Ob ein Mitarbeiter 40, 45 oder 35 Stunden arbeitet. Ich bin mir sicher, dass wir auch künftig flexibel arbeiten können. Es wird nur anders aussehen. Das Thema Vertrauensarbeitszeit wird es in der Form wohl nicht mehr geben. Aber mal abwarten, was die Damen und Herren der Bundesregierung sich ausdenken und wo “Schlupflöscher” vorhanden sein werden.

Wenn man sich das Urteil anschaut, kommt bei mir die Fragestellung immer wieder zum Vorschein. Haben wir keine anderen Probleme? Wir haben schon in Deutschland die höchsten Energiepreise, mit die höchsten Steuern, Abgaben und Lohnnebenkosten. Hinzukommt der Fachkräftemangel, Änderung des Harz IV Gesetzes, sodass Arbeiten gehen in zahlreichen Fällen, noch weniger lohnt. Wer braucht ein Tranzparenzregister? Die Steuerberater, die für die Eintragung 100 – 200 EUR verlangen? Ich könnte die Liste weiter fortführen. Strafzinsen, weil die Banken ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben und an allen Enden nach neuen Erlösströmen suchen.

Wann wird die Zeiterfassung nun Pflicht für Unternehmen?

Zunächst einmal steht kein konkreter Termin fest. Fakt ist jedoch, dass es in der Bundesregierung keinen Konsens zu dem Thema gibt. Im Zuge meiner Recherchen habe ich unterschiedliche Meinungen erfahren. Die meisten gehen davon aus, dass sich das „Ausarbeiten“ der Bundesregierung hinziehen könnte und mit einer klaren Regelung wohl erst in rund einem Jahr zu rechnen ist. Das klingt für mich zumindest realistisch. Auch wenn es noch Zeit ist, sollte man sich mit dem Thema beschäftigen und seine Mitarbeiter mit in die Diskussion einbeziehen und anhören.

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thomas

Thomas Ottersbach ist geschäftsführender Gesellschafter der PageRangers GmbH. Seit über über 20 Jahren ist er im Online-Business aktiv und hat verschiedene Unternehmen erfolgreich aufgebaut und veräußert. Thomas hat zudem eine kleine Beratungsboutique, mit der er ausgewählte klein- und mittelständische Unternehmen im Bereich der Digitalisierung und Sichtbarkeitsentwicklung berät. Er ist zudem Herausgeber/Produzent des beliebten SEO Podcasts (www.seosenf.de). Mit dem Podcast "Digitales Unternehmertum" gibt er nicht nur seine eigenen Erfahrungen weiter, sondern durch die vielen Interview-Gäste gibt es für die Zuhörer:innen maximal Inspiration und Wissenstransfer rund um die digitale Welt.

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